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Thomas M. Disch
Jetzt ist die Ewigkeit
Science Fiction aus einer deprimierenden Perspektive
An dieser Stelle sollte eigentlich das Cover des beschriebenen Buches abgebildet werden. Leider lässt dies unser deutsches Urheberrecht nicht zu. Daher müsst Ihr leider mit einem Symbolbild Vorlieb nehmen.

Mit der Erwartungshaltung ist das so eine Sache, erst recht, wenn sie von außen geschürt wird. So prangt auf dem Buch-Cover von „Jetzt ist die Ewigkeit“ das vielversprechende Label „Science Fiction“. Also geht man zunächst davon aus, dass man irgendetwas mit Raumschiffen, Außerirdischen oder zumindest mit Technologien oder Gesellschaften der Zukunft zu lesen bekommt. Damit führt der Heyne-Verlag den Leser allerdings ein wenig aufs Glatteis. Denn „Science Fiction“ im klassischen Sinne ist dieses Buch nicht.

Wer ist Thomas M. Disch?

Diese Frage stellte ich mir, da ich trotz einer Vielzahl bereits gelesener Romane des Science-Ficiton-Genres noch nie von ihm gehört hatte. Ich besitze auch nur ein einziges seiner Bücher – eben genau jenes, das heute Thema sein soll.

Disch wurde am 2. Februar 1940 in Des Moines, Iowa, geboren. Er schrieb zahlreiche Romane, vorwiegend Krimis, Science Fiction und Kurzgeschichten. Zu seinen Werken zählen aber auch Kinderbücher, Gedichte und Sachbücher. Nachdem er in den 60er Jahren Texte in einigen Science-Fiction-Magazinen veröffentlicht hatte, erschein sein erster Roman „The Genocides“ (Heyne-Titel „Die Feuerteufel“) im Jahr 1965. Im Laufe seines Lebens wurde Disch mehrmals für den Nebula und den Hugo Award nominiert und gewann letzteren 1999 für sein Sachbuch „The Dreams Our Stuff Is Made Of“.

Disch starb 2008 im Alter von 68 Jahren.

10 schwierige Geschichten, die nachdenklich machen

Bei dem Buch handelt es sich um eine 1968 entstandene Sammlung von Erzählungen, die sich in verschiedenster Weise mit einer zukünftigen Gesellschaft befassen. Das wird allerdings vielfach erst auf den zweiten Blick klar, sind die Erzählperspektiven doch oft recht ungewöhnlich.

In der titelgebenden Geschichte „Jetzt ist die Ewigkeit“ ist es möglich, mit sogenannten Reprostaten absolut alles zu reproduzieren – auch Menschen. Das führt dazu, dass der Tod keine Bedeutung mehr hat, bedarf es doch nur eines Knopfdrucks, um wieder aufzuerstehen.

„Mondstaub, Heugeruch und dialektischer Materialismus“ beschreibt die letzten Minuten eines Astronauten, dessen Sauerstoff aufgebraucht ist.

In „Anruf aus dem Nichts“ glaubt ein Mann in einem Hochhaus, der einzige Mensch auf der Erde zu sein – bis er einen Anruf erhält.

In „Komm zur Venus, mein Schatz“ wird das Leben einer Frau gerettet, indem ihr Bewusstsein in eine Maschine gesteckt wurde. Doch die ist jetzt kaputt und niemand kommt, sie zu reparieren – oder vielleicht doch?

Marcia Kenwell hasst „Küchenschaben“ von ganzem Herzen, doch sie hasst auch ihre Nachbarn. Da sind die Viecher von Nutzen.

In „Lindas Baby“ wünscht sich eine Frau nichts sehnlicher als ein Kind, so sehr, dass ihre Phantasie einen Weg findet, das Babyglück zu ermöglichen.

„Der Käfig“ ist ein hell beleuchteter, würfelförmiger Raum mit einem Schemel und einer Schreibmaschine. Hier lebt eine Frau schon immer, eingesperrt und ohne Kontakt zur Außenwelt, von der sie nur durch eine alte Ausgabe der Times erfährt, die sie regelmäßig erhält.

Eine Lehrerin möchte „Nada“ aus den armen Verhältnissen befreien, in denen das Mädchen lebt. Doch sie will gar nicht befreit werden – aus einem ganz bestimmten Grund.

„Die Welt der Schizophrenen“ ist quasi eine Abhandlung zu einer Gesellschaftsform, die in völligem Gegensatz zu der unseren steht.

Ein alterndes Ehepaar verbringt „Weihnachten in Casablanca“ und wird von einem Atomkrieg überrascht.

Symbol Thema Science Fiction
Foto: Xu Haiwei

Monologe als Ausdruck der Einsamkeit

Thomas M. Disch begibt sich in den meisten Geschichten in eine Gedankenwelt, bei der Realität und Fiktion miteinander verschwimmen. Die Protagonisten bauen sich in ellenlangen Monologen Phantasiewelten, in der sie die Wirklichkeit so formen, wie es ihnen gerade gefällt. Sie sind alleine und leiden unter dieser Einsamkeit so sehr, dass ihnen die Auswirkungen der Klaustrophobie etwas vorgaukelt und sie selbst Wahn und das Hier und Jetzt nicht mehr unterscheiden können.

Auch für den Leser ist dieser Unterscheidung nicht immer einfach und man fragt sich nicht selten, was der Autor mit dem Text bezwecken wollte. Vor allem die völlig aus der Reihe fallende, weil in Form einer beinahe wissenschaftlichen Abhandlung verfasste, „Welt der Schizophrenen“ rief bei mir zeitweise verständnisloses Kopfschütteln hervor. Andere Geschichten hingegen („Nada“, „Jetzt ist die Ewigkeit“) waren positive Überraschungen, die vor allem auch das Thema Science Fiction aufgriffen, dem sich das Buch ja laut Heyne eigentlich verschrieben hatte.

Zwiespältiges Fazit

Die zehn Erzählungen von Thomas M. Disch befassen sich allesamt in der einen oder anderen Form mit dem Gefühl der Einsamkeit und deren Folgen für die Psyche. Das macht die Lektüre nur wenig vergnüglich. Die gesamte Atmosphäre ist bedrückend und nahe am Wahnsinn. Den Gedankengängen des Autors zu folgen fällt nicht immer leicht, was schnell zu Ermüdung führt. Einige Ausreißer sind, wie oben bereits erwähnt, jedoch vorhanden, auch wenn sie ebenfalls eine deprimierende Grundstimmung haben. Science Fiction im herkömmlichen Sinne des Wortes schimmert vielfach nur durch die wirren Monologe, die es oft sind, hindurch.

Empfehlen kann ich diese Sammlung eigentlich nur Menschen, die bereit sind, den teilweise klaustrophob beschriebenen Gefühlswelten zu folgen. Wer aber klassische Science Fiction erwartet, sollte möglichst die Finger davon lassen.

Action
1/5
Anspruch
4/5
Suchtfaktor
2/5
Spannung
2/5
Mein Urteil
2,5/5

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