Stephen King
Atlantis
Reise in eine unbekannte Vergangenheit
An dieser Stelle sollte eigentlich das Cover des beschriebenen Buches abgebildet werden. Leider lässt dies unser deutsches Urheberrecht nicht zu. Daher müsst Ihr leider mit einem Symbolbild Vorlieb nehmen.

Es ist schon verrückt: Da kündigt sich an, dass ich ein Buch von Stephen King lesen werde und schon formen sich in meinem Kopf aus meinem Wissens- und Erfahrungsschatz vorgefertige Bilder. In seinem Fall fielen mir gleich die Schlagworte Horror, Urängste und bedrückender Grusel, aber auch Spannung und Lesespaß ein. Denn King gehört seit Jahren zu meinen Lieblingsautoren. Nicht daß mir seine Ausflüge in Genres jenseits des Horrors nicht bekannt gewesen wären – “Stand by me” oder “Die Augen des Drachen” sind nur zwei Beispiele hierfür – doch was mich im Buch “Atlantis” erwartete, kam einigermaßen unvorbereitet.

Stephen King – Bekanntheitsgrad gefühlt 100 %

Würde man beliebige Passanten auf den Straßen der westlichen Welt ansprechen, bekäme man vermutlich annähernd von 100 % der Befragten die Antwort: “Ja, Stephen King kenne ich. Der schreibt doch Horror-Romane.” Die Suche nach jemandem, der King nicht kennt, dürfte sich vermutlich sehr schwer gestalten. Deshalb nur kurz ein paar Eckdaden: Stephen Edwin King kam 1947 in amerikanischen Portland, Maine, zu Welt. Er schrieb mehrere Weltbestseller, darunter “Carrie” (verfilmt mit Sissy Spacek), “Shining” (verfilmt mit Jack Nicholson) oder “The green Mile” (verfilmt mit Tom Hanks). Unter dem Pseudonym Richard Bachman veröffentlichte er zudem Bücher, die sich oft dem gesellschaftlichen Horror widmeten. Eindrucksvoll sind aus meiner Sicht z.B. “Menschenjagd” oder “Der Todesmarsch”. Stephen King gehört zu den weltweit erfolgreichsten Schriftstellen, dessen Bücher inzwischen in 40 Sprachen übersetzt und 400 Millionen Mal verkauft wurden.

Das Gefühl einer Generation

Das Buch “Atlantis” beschreibt in fünf Kapiteln die Geschichte einer Generation zwischen Baby Boomer und Generation X. Im ersten Teil lebt Bobby Garfield als Elfjähriger alleine mit seiner bestimmenden Mutter in einem Haus, in dessen oberste Etage eines Tages Ted Brautigan einzieht. Der ist ein älterer, ein wenig kauziger Herr dessen Verhalten seiner Umwelt Rätsel aufgibt. Das Geheimnis hinter seiner freundlichen und doch ein wenig rauhen Fassade gibt er nur Bobby ein wenig Preis, der sich mit ihm anfreundet. Bobby bessert sein Taschengeld auf, indem er für Ted ein Paar arbeiten erledigt, aber auch im Ort die Augen offen hält. Denn ganz offensichtlich hat Ted Angst vor den “niederen Männern in gelben Mänteln”. Nach der Schule hängt Bobby mit seinen Freunden Sully Johnson und Carol Gerber herum und lernt mit Carol das noch unbestimmte Gefühl der Liebe kennen.

Teil zwei des Buches beschreibt in der Ich-Sicht die College-Zeit von Peter Riley in den 60er Jahren. Trotz bester Vorsätze verliert er sich während seines Studiums mehr und mehr in der Spielsucht. Anstatt zu lernen wird das Kartenspiel “Hearts” zu seiner Tagesbeschäftigung und sorgt dafür, dass er beinahe mit seinem Studium scheitert. Das hätte den Einzug in die Army und somit unweigerlich ein Ausrücken nach Vietnam zur Folge gehabt. Während dieser Zeit lernt er eine junge Antikriegs-Aktivistin namens Carol Gerber kennen und lieben.

Vietnamveteran Willie Shearman hat sich im dritten Teil 30 Jahre nach dem Vietnamkrieg eine besondere Art der Buße für eine Tat ausgedacht, die er als Junge einem Mädchen namens Carol Gerber angetan hat. Damals hatte er sie gemeinsam mit Freunden veprügelt und schwer verletzt. Um seine Schuld zu begleichen verkleidet er sich, obwohl angesehener Geschäftsmann, jeden Tag als vermeintlich blinder Bettler Blind Willie und sammelt Geld.

Im vierten Teil gibt es ein kurzes Wiedersehen mit Sully Johnson, der nach seinem Einsatz in Vietnam unter Wahnvorstellungen leidet und nach einem Anfall während eines Staus auf der Autobahn an einem Herzinfarkt stirbt.

Zuletzt treffen sich der inzwischen fünfzigjährige Bobby Garfield und seine Jugendfreundin Carol Gerber, nach ihrer Aktivistenzeit mit neuer Identität, bei der Beerdigung von Sully in ihrer alten Heimatstadt wieder. Eine seltsame Nachricht von Ted Brautigan und der Baseball-Handschuh, den Bobby in seiner Kindheit verloren hatte und in der sich eine geheimnisvolle Botschaft für Carol befindet, bilden den traurigen, gleichzeitig aber auch hoffnungsvollen Abschluss des Buches.

Buchkritik Mystery
Eine subjektive Betrachtung

Eigentlich gibt es nichts, was mich mit den elfjährigen Bobby Garfield verbindet. Seine Geschichte hat mit meinem eigenen Leben nicht das Geringste zu tun. Und doch schafft es Stephen King bereits im ersten und längsten Kapitel des Buches in mir eine Menge Gefühle und Emotionen herauf zu beschwören, die mich in meine eigene Kindheit zurück versetzten. Diese Reise in die Vergangenheit ermöglicht King dem Leser mit einem unglaublichen Gespür für Atmosphäre. Detailreich wird ein spießiges Kleinstadtleben offenbart, wie es in den USA vermutlich unzählige gibt und gab. Die Geschichte spielt in den 50er Jahren, die ich selbst nicht erlebt habe, und doch trat beim Lesen eine Flut von Erinnerungen an meine eigene Kindheit aus den Tiefen meines Gedächtnisses hervor, die mich zu einer Art Bobby Garfield werden ließen. Mit einer beim Lesen eines Buches noch nie erlebten Intensität fühlte ich mich in die Geschichte hineingezogen. Mein eigenes Leben vermengte sich mit Bobbys Erlebnissen und selbst der phantastische Teil mit den “niederen Männern” erschien mir beim Lesen gar nicht mehr so realitätsfern. Dies alles ist der ungemein lebendigen Sprache des Autors zu verdanken, die mich in ihren Bann gezogen hat. Die Gefühlswelt und Zerrissenheit des elfjährigen Jungen ist in jeder Zeile spürbar und zieht sich durch die ganze Geschichte.

Leider ist mir die anfängliche intensive Nähe zur Geschichte in den folgenden Teilen des Buches wieder etwas abhanden gekommen. Auch wenn die Beschreibung der Geschehnisse weiterhin sehr lebhaft bleibt, fehlte mir die Beziehung sowohl zum spielsüchtigen Peter Riley, als auch zu den verrückt scheinenden Vietnam-Veteranen Willie und Sully. Erst das letzte kurze Kapitel, in dem sich Bobby und Carol nach vierzig Jahren bei der Beerdigung ihres gemeinsamen Schulfreundes wieder treffen, brachte die starken Emotionen des ersten Teils wieder zurück. Denn auch ich habe inzwischen, wie Bobby, die Fünfzig überschritten und denke immer häufiger über meine Kindheit nach. Und wie Bobby bin ich mit dem, was ich erreicht habe, weitgehend zufrieden, auch wenn ich mir mein Leben damals völlig anders vorgestellt hatte. Nur meine erste Jugendliebe habe ich nie wiedergesehen, aber das kann ja noch kommen.

Der Versuch eines objektiven Fazits

“Atlantis” ist kein typischer King – das schon einmal als klares Statement vorweg. Wer in erster Linie ein Freund der Horror-Geschichten des Autors ist, wird von diesem Buch möglicherweise enttäuscht sein. Wer aber das unschlagbare Talent Kings liebt, lebhafte Geschichten zu erzählen, und dabei auch vor einem kopflastigen Gesellschaftsportrait nicht zurückschreckt, wird in “Atlantis” eintauchen. Es ist ein kritischer Roman, der an vielen Stellen mit dem Klischee “früher war alles besser” aufräumt, der die Gräuel des Vietnamkrieges verurteilt und die daran gescheiterte Generation gefühlvoll beschreibt. Vor allem aber ist das Buch ein Katalysator für eine Reise in die eigene Vergangenheit – wenn man sich darauf einlässt. Die üblichen King-Elemente Action und Horror sucht man, mit Ausnahme eines leichten Anflugs von Übersinnlichem im ersten Teil, vergebens. Dennoch hat der Roman das Potenzial, zu fesseln – vielleicht auch nur, weil man gerade im Alter des Erzählers ist.

Action
1/5
Emotionen
4/5
Spannung
2/5
Lesespaß
4/5
Mein Urteil
4/5

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